An(ge)dacht

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Liebe Leserin, lieber Leser,

und dann bist du plötzlich ganz allein. Niemand ist da, der sich schützend vor dich stellt. Keiner, der dir zur Seite steht. Gestern noch schrieen sie: „Hosianna!“ und jubelten dir zu. Und plötzlich dreht sich der Wind. Die Stimmung kippt. Aus dem „Hosianna!“ wird ein „Kreuzige ihn!“.

 

Und dann ist vielleicht nicht einmal ein Simon von Kyrene da, der dir wenigstens das Kreuz trägt. Das ist so bitter. Hilflos denen ausgeliefert zu sein, die dich an den Pranger stellen, die dir die Ehre abkaufen. Und wie Pilatus waschen sie auch heute noch ihre Hände in Unschuld.

 

Sie spucken ihn an. Schlagen ihn mit Worten und Fäusten. Nehmen ihm die Kleider ab. Nackt und bloß steht er da. Ohnmächtig ist er ihren Lügen ausgeliefert. Dann führen sie Jesus ab. Und Pilatus, der Strippenzieher im Hintergrund, lässt sich Wasser bringen und wäscht vor der Menge seine Hände in Unschuld. Alle sollen sehen und hören: „Mich trifft keine Schuld! Das ist eure Sache!“

 

Durchtrieben, aber auch ganz schön clever. Schon Pilatus wusste nur zu gut, wie eine Täter-Opfer-Umkehr funktioniert. Er manipuliert und schiebt die Verantwortung für seine Tat den anderen und Ende dem Opfer selbst zu. Und so waschen sie auch heute ihre Hände in Unschuld. In so vielen Ländern dieser Welt. Im Kleinen und im Großen entlasten sich die Täter auf Kosten der Opfer.

 

Damals wie heute schauen viele zu. Kaum einer geht dazwischen. Nur wenige haben den Mut einzugreifen, sich schützend davorzustellen. 

 

Hatte nicht Jesus einmal gesagt: „Wer ohne Sünde, der werfe den ersten Stein!“. Er hatte sich doch selbst immer wieder gerade auch vor die gestellt, die ohnmächtig und schutzlos den anderen ausgeliefert waren. Hatte er den Menschen in der Bergpredigt nicht diesen Rat mit auf den Weg gegeben: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“

 

Der kommende Sonntag Exaudi ist in der Geschichte unserer Kirche eigentlich ein Bußtag. Das Angebot Gottes, lieber vor der eigenen Tür zu kehren, bevor wir unsere Hände in Unschuld waschen. 

 

Das Wort Exaudi ist ein Hinweis auf den 27. Psalm, den Psalm für diesen Sonntag. Ein wunderbares Gebet. Und es schließt mit den Worten: „Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!“ Denn unser Gott nimmt uns immer wieder in Ehren an. Und dann bist du eben nicht mehr allein.

 

Ihr Pfarrer

Paul Häberlein