An(ge)dacht

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Liebe Leserin, lieber Leser,

nun sind sie schon wieder Geschichte, die 25. Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo. Die Sieger haben ihre Triumphe gefeiert, die Verlierer ihre Tränen getrocknet. Der Medaillenspiel zeigt schwarz auf weiß, wer die Gewinner und wer die Verlierer der Spiele waren.

Die Goldmedaillen sind verteilt. Aber schon die Zweiten waren oft die ersten Verlierer. „Warum hat es nicht zu Gold gereicht?“ – diese oder ähnliche Fragen wurden ihnen gestellt. Es war dann halt „nur“ Silber. Und spätestens mit den Viertplazierten beginnt die lange Liste derer, die auf ganzer Linie enttäuscht haben. Bei Olympia zählen eben nur die Sieger und die Medaillen.

Die anderen mussten sich dann auch noch den Fragen der Besserwisser stellen. Ich konnte es am Ende nicht mehr hören, dieses Bohren in den Enttäuschungen und Wunden derer, die den Erwartungen nicht gerecht geworden sind. Vorwurfsvoll wurden ihnen die Mikrofone entgegengehalten. Vor laufender Kamera sollte sie unter Tränen erklären, warum, wo und wie sie die Medaille „hergeschenkt“ haben.

Laura Nolte gab im vierten Lauf im Mono Bob die sicher geglaubte Goldmedaille noch „aus der Hand“. Am Ende waren es 0,04 Sekunden Rückstand. Nach vier Läufen mit Tempo 120 ist das ein Nichts.

Selbst der „Sprunggott“ der Eiskunstläufer, Ilia Malinin, stürzte bei seiner Kür mehrfach. Er hielt dem Leistungsdruck einfach nicht stand. Weil auch er keine Sprungmaschine, sondern einfach nur ein Mensch ist.

In den sogenannten sozialen Netzwerken wurden die Verliererinnen und Verlierer dann mit Häme und Spott überschüttet, oft beschimpft und immer wieder auch bedroht. So ist das in einer Welt, die nur die Sieger liebt.

Die Würde der Verliererinnen und Verlierer verliert sich in dieser medial so aufgepeitschten Welt. Der Respekt vor ihren Mühen und Anstrengungen geht einfach verloren. Und dabei sind sie doch Menschen wie wir, Ebenbilder Gottes, von Gott mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt.  Auch deshalb sagt Jesus einmal: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“

Ich bin in meinem Leben immer wieder auch gescheitert, habe manches Ziel nicht erreicht. Ich weiß nur zu gut, wie das ist, wenn sie mit Steinen nach dir werfen. Auch deshalb gibt Jesus uns den Rat, barmherzig zu sein. Wenigstens versuchen sollten wir es.

Ihr Pfarrer

Paul Häberlein