An(ge)dacht

 

Paul Häberlein

Liebe Leserin, lieber Leser,

Da liegt ein Nagel. Er liegt da und fragt nicht warum und wozu. Er ist ein Gegenstand, ein Stift aus Metall. Ein Ding. Er ist hart und kalt. Ein Nagel ist spitz. Man kann sich sogar verletzen, an so einem Nagel.

 Manche Nägel schlägt man in die Wand, um Bilder aufzuhängen. Andere schlägt man in Balken, um ganze Häuser zu bauen. Nägel halten Schuhe zusammen, geben meiner Gartenbank die nötige Festigkeit. Nägel werden in Särge geschlagen.

 Ein Nagel ist ein Gegenstand. Er fragt nicht: Warum wird das Bild aufgehängt? Und vom wem? Wer baut ein Haus? Und wozu?

 Eines Tages nimmt ein Soldat diesen Nagel. Warum? Wozu? Wer fragt schon danach. Er nimmt den Nagel. Und Stunden später wird er den Nagel ins Fleisch treiben. Stunden später wird er diesen Jesus von Nazareth damit am Kreuz festnageln. Er wird seine Schreie hören. Er wird unter seinem Kreuz stehen, wie all die anderen: die Mutter, Johannes, der Jünger, das Volk, die Schriftgelehrten und Pharisäer. 

 Nur Pontius Pilatus wird nichts davon mitbekommen. Er wäscht seine Hände in Unschuld. Und doch hat er befohlen: Jesus von Nazareth, König der Juden – nagelt ihn fest an diesem Kreuz.

Festgenagelt – das ist das Schlimmste. Wer festgenagelt ist, der wird zum Ding, zum Gegenstand. Er wird zum Objekt für die Sonne, für die Gaffer, die Soldaten, die Raben und Krähen, für das Volk, das auch den Gekreuzigten noch mit Hohn und Spott überzieht.

 Festgenagelt sein. Ein Ding nagelt man fest. Auch Menschen nagelt man fest: auf eine Äußerung, auf ein Verhalten, auf ihre Vergangenheit, ihre Hautfarbe, ihr Geschlecht, ihre Fehler, ihre Schuld. 

Und rufen ist dann sinnlos, man ist ja festgenagelt. Ein Ding kann nicht rufen. Niemand wird zuhören.  

 

Der Festgenagelte am Kreuz aber schreit seine Botschaft hinaus in die Welt. Und der Soldat unter dem Kreuz hört es. Er hört: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!“

Der am Kreuz nagelt niemanden mehr fest. Er befreit.

Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Passionszeit.

Ihr Pfarrer Paul Häberlein