An(ge)dacht

 

Paul Häberlein

Liebe Leserin, lieber Leser,

 Es war der 10. Dezember 1942. Berlin. Eine Mietswohnung. Er war müde, unendlich müde. Jedes weitere Ankämpfen war zwecklos. So viele Rückschläge hatte er schon einstecken müssen.

Erst vor kurzem hatten sie die Ausreise der Tochter untersagt. In einem seiner Tagebücher steht dieser niederschmetternde Satz: „Ich möchte nur noch einmal das Gefühl haben dürfen, dass es nicht immer noch schlimmer kommt.“ 

 1941 war er Soldat an der Ostfront. Er wollte für sein Vaterland kämpfen. Aber mit Schimpf und Schande hatten sie ihn unehrenhaft aus der Armee entlassen. Und das alles, weil seine Frau, „jüdisches Blut“ in ihren Adern hatte.  

 Als ob es das gibt, „jüdisches Blut“. Blut ist Blut und jeder Tropfen, der vergossen wird, ist ein Tropfen zu viel. Ein Mensch ist ein Mensch. Und jeder Mensch ist von Gott erschaffen und geliebt.

 Wochen, Monate lebten sie immer in der Angst. Morgen kommen sie. Morgen wirst du abgeholt, morgen beginnt der Weg in den Tod. Morgen ist alles zu Ende. 

 Adolf Eichmann stellte Jochen Klepper vor die Wahl: Beruf oder Ehe. Scheidung und Zukunft oder den Weg in den Tod. Alle Hilfe, selbst einflussreicher Freunde, war vergebens. Die Würfel waren gefallen. Im nationalsozialistischen Rassewahn war kein Platz für die Liebe dieser drei Menschen. 

 Am Abend des 10. Dezember 1942 hat Jochen Klepper dann die letzten Sätze in sein Tagebuch geschrieben:

 „Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun -ach, auch das steht bei Gott- Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

 Am nächsten Morgen hing an der Tür ein Zettel: Vorsicht Gas. In der Küche fand man Jochen Klepper, seine Frau und die Tochter tot auf einer Daunendecke liegen.

 Johanna, Renate und Jochen Klepper hatte sich entschieden. Von dem segnenden Christus, dessen Licht in den Advent leuchtet, hinein in die Dunkelheit, hat Jochen Klepper in einem seiner Adventslieder geschrieben:

 „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.“

 Denn Blut ist Blut und jeder Tropfen, der vergossen wird, ist ein Tropfen zu viel. Ein Mensch ist ein Mensch. Und jeder Mensch ist von Gott erschaffen und geliebt. Darum wurde Gott Mensch.

 Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit, eine frohes Weihnachtsfest und für 2023 Gottes reichen Segen.

 

Ihr Pfarrer

Paul Häberlein