An(ge)dacht

 

Paul Häberlein

Liebe Leserin, lieber Leser!

Jahr um Jahr leben und erleben wir Menschen diesen wunderbaren Kreislauf der Natur. Jahr um Jahr kann man als Mensch letztlich nur darüber staunen.

In wenigen Tagen ist jetzt aus dem tristen Winter ein blühender Frühling geworden. Jahr um Jahr dürfen wir Menschen in diesen Frühlingstagen sehen, mit welcher Kraft das Leben neu in die Natur zurückkehrt. Schon im alten Testament, nach der großen Sintflut, verheißt Gott den Menschen: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22)

Jeder Sonnentag lässt auch uns Menschen in diesen Tagen aufblühen. Man kann sich gar nicht sattsehen an diesem zarten Frühlingsgrün, an den Farben der Blumen und der Blüten. Es blüht und grünt auch in den Herzen der Menschen. Dieses Staunen über Gottes wunderbare Schöpfung sich zu bewahren, sich an den vielen kleinen Wundern der Natur erfreuen zu können, diese Tage jetzt zu genießen – das ist eine Gnade Gottes. Paul Gerhardt schreibt in einem seiner Lieder:

Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide; Narzissus und die Tulipan die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide, als Salomonis Seide.

Und Jesus Christus hat selbst einmal gesagt: Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.“ (Mt. 6,28-29)

Im Konfirmandenunterricht haben wir noch den kleinen Katechismus Martin Luthers auswendig gelernt. In der Auslegung zum 1. Glaubensartikel hat Martin Luther geschrieben: Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen.“ Das ist ein wichtiger Satz. Als Menschen sind wir Teil dieser wunderbaren Schöpfung Gottes.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Jede und jeder von uns ist ein Geschöpf Gottes. Das gibt uns unsere Würde und Größe. Gleichzeitig sind und bleiben wir samt allen Kreaturen“ nur Teil der Schöpfung. So hat uns Gott auch die Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe übertragen. Wir dürfen diese Welt bewohnen, bebauen und bewahren.

Der große Arzt, Kirchenmusiker und Theologe Albert Schweitzer hat immer wieder von dieser Ehrfurcht vor dem Leben gesprochen. Gerade in unserer Zeit, in der der Mensch immer mehr das Geheimnis des Lebens entschlüsseln und beherrschen will, ist diese tiefe Ehrfurcht vor Gottes guter Schöpfung wichtig.

Mit dem Staunen aber fängt alles an. Ohne dieses tiefe Staunen über das Wunder der Schöpfung verlieren wir Menschen sehr schnell auch die Ach- tung vor unseren Mitgeschöpfen. Sie werden Mittel zum Zweck. Aber auch ihnen hat Gott als Geschöpfe eine Würde gegeben.

F.M. Dostojewskij schreibt schließlich einmal: Liebet die ganze Schöpfung Gottes! Sowohl den ganzen Erdball, wie auch das kleinste Sandkorn. Jedes Blättchen liebet, und jeden Sonnenstrahl! Liebet alle Dinge! Wenn ihr das tut, so werden sich euch in ihnen die Geheimnisse Gottes offenbaren.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Monat Mai voller Momente des Staunens und der Ehrfurcht über das Wunder des Lebens.

Ihr Pfarrer

Paul Häberlein