An(ge)dacht

 

Paul Häberlein

Liebe Leserin, lieber Leser,

als wir noch Kinder waren, standen wir oft am Straßenrand, wenn ein Schäfer mit seiner Herde durch Marktsteft zog. Für uns Kinder war es ein nicht enden wollender Zug von Schafen und Lämmern. Und unvorstellbar war es für uns damals, dass ein guter Hirte alle seine Schafe kennt, damit keines verloren geht. Oft trug der Hirte ein Lamm, das sich verletzt hatte oder zu schwach war. Er hielt es ganz sanft in seinen Armen. Manches Mal durften wir es sogar streicheln. Hirten und ihre Schafsherden gehörten für uns Kinder zum alltäglichen Leben einfach dazu.

Im Kindergottesdienst haben wir später die Geschichte vom guten Hirten gehört und auch davon gesungen. „Weil ich Jesu Schäflein bin, freu ich mich nur immerhin über meinen guten Hirten, der mich wohl weiß zu bewirten, der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt.“ Meine Ferien verbrachte ich meist bei meinen Großeltern in Oberickelsheim. Ich durfte im „Gräberle“ zwischen Oma und Opa schlafen. Und über dem Bett hing ein großes Bild. Es zeigte, wie Jesus, der gute Hirte, mit einem Lamm auf den Schultern durch ein Getreidefeld ging. Immer und immer wieder habe ich es mir als Kind angeschaut.

In der Grundschule haben wir später den 23. Psalm auswendig gelernt. Und ich bin froh, dass ich ihn damals gelernt habe. Er hat seit damals, wie auch das Bild im Schlafzimmer meiner Großeltern, tief in meinem Herzen seinen Platz. Und in Zeiten der größten Not ist er da und begleitet mich. Für mich ist das ein großes Geschenk.

Vor vielen Jahren bin ich einmal fast erstickt. Im Notarztwagen habe ich immer und immer wieder nach Luft gerungen. Mein Hals war zugeschwollen und die Atemnot war groß. Neben mir saß der Notarzt und hatte schon das Besteck für einen Luftröhrenschnitt in Händen. Und in meiner Angst, meiner Not und der Panik kam dieser 23. Psalm vom Herzen in den Sinn. Immer und immer wieder habe ich ihn gebetet. Sie glauben gar nicht wie oft man den 23. Psalm in Notarztwagen von Karlstadt nach Würzburg beten kann. Und er war mein Halt, mein letzter Strohhalm, an dem sich meine Seele festgeklammert hat.  An dem ich mich festhalten konnte, der mir die Angst nahm und mich durchhalten ließ. 

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …“ – immer und immer wieder habe ich ihn damals gebetet. Und seit diesem Tag verstehe ich, warum und wie dieser alte Psalm Menschen zu allen Zeiten Trost und Hilfe, Stärke und Zuversicht war und ist. Und dass sich das in Zeiten der Not am eigenen Leib erleben und erfahren lässt.

Oft habe ich den 23. Psalm Kindern als Taufspruch, Konfirmandinnen und Konfirmanden als Konfirmationsspruch oder Ehepaaren als Trauspruch mit auf ihre Lebenswege gegeben. Oft habe ich ihn am Totenbett oder auf dem Friedhof gebetet. Eigentlich spricht er für sich und muss nicht ausgelegt oder erklärt werden. Seine Worte sprechen für sich. Sie sind wahr und sie werden im Leben von uns Menschen wahr, lebendig, tröstlich und geben uns Mut und Kraft für den Alltag.

Wie schön ist es, beten zu können: „mir wird nichts mangeln, du weidest mich auf einer grünen Aue und führest mich zum frischen Wasser“ – auch in Tagen wie diesen. Du führst uns hindurch. Denn: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück – du bist bei mir!“. Und manches Mal ist Gott in und durch diese alten Psalmen in uns, mit uns und um uns herum.

Und welch ein Segen ist es, am Ende des Lebens hoffen, glauben und fest darauf vertrauen zu dürfen: „Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar!“  

Ich bin so froh, dass dieser Glaube damals in mein Kinderherz gelegt wurde. Ich bin so dankbar, dass ich in meinem Leben immer wieder erfahren durfte: Jeder Satz, jedes Wort in diesem Psalm stimmt, ist wahr. Der Herr ist mein Hirte, der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt.

Bleiben Sie behütet und beschützt.

Ihr Pfarrer Paul Häberlein