An(ge)dacht

 

Paul Häberlein

Liebe Leserin, lieber Leser,

noch vor wenigen Wochen hätte wohl niemand geahnt, was da auf uns zu kommt und wie dieser Virus unsere Welt verändern wird. Plötzlich spüren wir Menschen unsere Hilflosigkeit. Die Bilder der Corona-Pandemie werden wir wohl nie vergessen. Wir leben in einer Welt, die so zerbrechlich und vergänglich ist, die manches mal nach Erlösung schreit. Und das Leid dieser Welt wird uns schließlich Tag für Tag in unsere Wohnzimmer geliefert, brandaktuell und in Farbe. Ein Virus legt ganze Städte, Region, Länder und Gesellschaften lahm. Das Chaos regiert. Scheinbar.

Gleichzeitig zeigt das Titelbild unseres Gemeindebriefs auch Menschen, die für uns ihre Arbeit tun, ihren Dienst an den Menschen. Die da bleiben“, damit uns in dieser Krise geholfen wird. Ob in den Krankenhäusern, bei den Ret- tungsorganisationen, bei der Polizei, als Kassiererin an den Kassen in den Lebensmittelgeschäften, als Politikerinnen und Politiker, die Verantwortung tragen und schwere Entscheidungen treffen müssen. Viele Menschen leisten in diesen Tagen ihren Dienst für uns. Sie setzen sich bewusst Risiken aus, damit uns geholfen wird.

Und sie bitten uns: Bleibt daheim!“ Bleibt daheim, damit die Infektionsketten unterbrochen werden. Gerade in dieser Krise zeigt sich so immer wieder tiefste Menschlichkeit, Barmherzigkeit und Menschenliebe. Auch wenn Andere scheinbar unbelehrbar sind und dabei vergessen: Corona tötet. Vielleicht nicht mich, aber andere.

Wie damals in Jerusalem. Da riefen sie: Ans Kreuz mit ihm!“ Und die Menschlichkeit, die Barmherzigkeit blieb und bleibt oft auf der Strecke. Und so schlugen sie ihn ans Kreuz, weil kein Platz war für einen Friedenstifter, einen sanftmütigen Erlöser. Einen, der die Menschen zur Nächstenliebe aufruft. Einen, der uns Mut macht, den eigenen Egoismus zu überwinden. Einen, der sagt: Was ihr den Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!

Auch deshalb bleiben sie da, in den Krankenhäusern, den Rettungswachen, den Polizeistationen, den Lebensmittelgeschäften und wo auch immer sie den Menschen in dieser schweren Zeit dienen, damit das Chaos eben nicht die Oberhand gewinnt. Sie bleiben da, während andere Klopapier und Medikamente, Lebensmittel und Benzin horten. In Amerika ist der Verkauf von Waffen sprunghaft angestiegen. Das Volk will sich schützen. So wie damals in Jerusalem. Das Volk wollte nicht auf den hören, der Weg, Wahrheit und Leben ist.

Auch wir bleiben hoffentlich da füreinander. Stehen einander in dieser Krise zur Seite und vergessen hoffentlich nicht die Schwachen in Mainbernheim. Wenn die Ausgangssperre kommt, wenn auch bei uns Menschen unter Quarantäne stehen werden, wenn Menschen am Virus erkranken. Keiner weiß, was der morgige Tag, die nächste Wochen bringen wird.

Es ist alles so unwirklich in diesen Tagen. Da zieht der Frühling ein. Das Leben kehrt in die Natur zurück. Morgens grüßt uns das Frühlied der Amsel. Und gleichzeitig weiß ich überhaupt nicht, was sein wird, wenn dieser Monatsgruß in einigen Tagen verteilt werden wird. Alles verändert sich rasend schnell.

Und auch das erinnert mich an die Ereignisse der Karwoche. Am Palmsonntag zog Jesus in Jerusalem ein. Die Menschen jubelten ihm zu. Hosianna! Gelobt sei der, der da kommt im Namen des Herrn!“ Und wenige Tage später änderte sich alles. Da kreuzigten sie ihn.

Und doch wurde es Ostern und der Auferstandene hat dem Tod und allen Todesmächten dieser Welt die Macht genommen. Schalom BenChorin beschreibt diese Hoffnung so schön in seinem Lied: Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.

Zwischen Kreuz und Auferstehung bleiben wir eine wartende Gemeinde. Die Tränen auf unseren Wangen, aber auch die Verheißung, dass Gott einmal alle Tränen abwischen wird, gehören zu diesem Weg zwischen den Zeiten. Siehe ich mache alles neu!“ Diese Verheißung begleitet uns, hilft, die Berge zu überwinden. Den Durstigen schenkt er lebendiges Wasser umsonst. Er stärkt die wankenden Knie und schenkt neue Kraft, damit wir laufen und nicht müde werden, überwin- den und alles ererben. Denn Jesus Christus ist A und O, Anfang und Ende der Zeit. Er lebt, damit auch wir leben. Es ist Ostern! Auch 2020.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Osterfest

Ihr Pfarrer Paul Häberlein