An(ge)dacht

 

Paul Häberlein

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor vielen Jahrhunderten haben Menschen ihr Leben, ihre Erfahrungen, ihre Freude, aber auch ihr Leid, ihre Sorgen und Klagen in alten Liedern aufgeschrieben. Als Psalmen stehen sie in unserer Bibel.

Oft sprechen sie uns aus dem Herzen und aus der Seele. In einem dieser alten Lieder heißt es einmal: „Du, Gott, speisest mich mit Tränenbrot und tränkest mich mit einem großen Krug voller Tränen.“ Denn so ist das Leben manchesmal. Es gibt Sorgen, die nagen an unserer Seele. Man wird sie einfach nicht mehr los. Sie umgeben uns am Tag und rauben uns in der Nacht den Schlaf. Dann bleibt so wenig. Dann ist einem wahrlich zum Heulen zu mute.

Das Wichtige an diesen alten Psalmen ist: Sie geben nicht auf. Sie ringen mit Gott. Denn man muss nicht immer stark sein. Oft kann man es auch nicht. Selbst der Zweifel wird in diesen Psalmen in Worte gefasst, wenn z.B. der 22. Psalm fragt: „Mein Gott, mein Gott, warum?“

Im Alltag verbergen wir oft unsere Tränen. Denn, öffentlich zu weinen, das ist eher ein Zeichen der Schwäche. In der Welt heißt dann: „Jetzt reiß dich zusammen! Das wird schon wieder!“ Vor Gott aber brauchen wir unsere Tränen nicht zu verbergen. Er weiß längst um die Tränen, die wir weinen.

Manche dieser Psalmen sind Klagelieder. Menschen, die Gott ihre Not klagen, zu ihm schreien: „Aber du, Herr, sei nicht ferne; meine Stärke, eile mir zu helfen!“ Diese Psalmen ringen auch im Leiden mit Gott. „Tröste mich, endlich! Tröste mich, damit ich weiterleben kann.“ „Sieh mein Elend an und hilf mir in der Not!“

Denn eines wissen diese Psalmen. Menschen haben sie aufgeschrieben, die genau das erlebt haben. Gott weint mit uns. Er steht uns bei in der Not und tröstet uns. Oder wie es der 22. Psalm sagt: „Unsere Mütter und Väter hofften auf dich und du halfst ihnen heraus.“

Bleiben Sie behütet und beschützt.

Ihr Pfarrer Paul Häberlein