An(ge)dacht

 

Paul Häberlein

Liebe Leserin, lieber Leser!

Es war ein sonniger Oktobertag. Und dennoch waren die Nächte im Oktober 1989 schon bitter kalt. Seit Stunden standen wir in Hof am Bahnhof und warteten auf den ersten Zug.

Schon am Nachmittag wurden alle Mitarbeitenden der Bahnhofsmission zusammengerufen. Als Vikar war ich damals auch für die Bahnhofsmission zuständig. Keiner von uns ahnte, dass wir in dieser Nacht Weltgeschichte erleben sollten. Denn dieser Tag, diese Züge aus Prag sollten die Welt verändern. Hans-Dietrich Genscher hatte den Flüchtlingen in der Prager Botschaft mitgeteilt, dass ihre Ausreise genehmigt worden sei.

Seit Stunden warteten wir nun schon. Aber die Züge kamen einfach nicht. Später haben wir erfahren, dass die Züge noch einmal durch das Gebiet der DDR fahren mussten, damit die Behörden den Menschen die Ausweise abnehmen konnten. Sie sollten offiziell ausgebürgert werden. Letzte Zuckungen eines menschenverachtenden Systems.

Gerüchte machten in der folgenden Nacht die Runde. Entlang der Bahnstrecke in Sachsen sollte es zu dramatischen Szenen gekommen sein. Menschen versuchten immer wieder auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Die Angst war mit Händen zu greifen. Die Angst, dass die Mächtigen in der damaligen DDR doch noch die Züge stoppen könnten. Und auch die Angst vor einer Eskalation der Gewalt war immer wieder zu spüren. 

Stunden gingen dahin. Die Nacht brach herein. Das Thermometer zeigte Minus 8 Grand an. Bitterkalt. Neben mir stand eine Frau. Sie war aus Stuttgart angereist. Während des Wartens hat sie mir ihre Geschichte erzählt. Als Rentnerin hatte sie mit ihrem Mann die DDR verlassen können. Ihren Sohn aber mussten sie zurück lassen. In der Tagesschau sah sie ihn dann. Er war einer der Flüchtlinge in der Prager Botschaft. Und sie hoffte so sehr, dass er in einem der Züge wäre. Am nächsten Tag sollten sie sich wiedersehen auf dem Bahnsteig in Hof. Tage, die die Welt veränderten. Aber auch Tage, die das Leben vieler Menschen verändert haben. Tage, die ich nie vergessen werde.

Und dann kam der erste Zug. Man sah ihn noch nicht und hörte doch den Schrei der Menschen, die Erleichterung endlich frei zu sein. Und da war auch dieser Posaunenchor, der plötzlich zu spielen begann: Nun danket alle Gott. Mit Tränen in den Augen standen so viele Menschen auf diesem Bahnsteig in Hof.

Mit diesen Zügen aus Prag begann eine Bewegung der Freiheit, an deren Ende die Deutsche Einheit stand. Das aber ahnte von uns niemand in dieser Nacht. Da war die Erleichterung, endlich in Hof, endlich in der Freiheit angekommen zu sein.

Noch aber stand die Mauer. Noch war Mödlareuth, ein Dorf nordöstlich von Hof gelegen, geteilt. Noch waren Familien zerrissen in Ost und West. Noch trennten Sta- cheldraht und Schießbefehl unser Volk. Aber mit den Zügen aus Prag veränderte sich die Welt. Und alles geschah friedlich, ohne Gewalt. Nun danket alle Gott haben wir damals gesungen.

Und nun sind schon 30 Jahre vergangen. Vieles scheint so selbstverständlich geworden zu sein. Und vieles ist in Vergessenheit geraten. Am Erntedankfest könnten wir Christen unserem Gott in diesem Jahr für den Frieden und die Freiheit danken in der wir leben dürfen. Denn beides ist ein Geschenk Gottes.

Demokratie aber fällt nicht vom Himmel. Im Herbst 1989 zogen die Menschen nach den Friedensgebeten durch die Städte, um für Demokratie einzutreten. In Plauen konnte ich das erleben. Tausende sind an der Stasi-Zentrale stehen geblieben und riefen damals laut: Stasi in den Tagebau!“ Mutige Menschen waren das.

Und mutige Menschen braucht es auch heute. Menschen, die unsere Demokratie im Alltag verteidigen. Für mich ist es eine Christenpflicht, den Hetzern und Feinden der Demokratie entgegenzutreten. Deshalb lade auch ich Sie alle dazu ein, am 3. Oktober um 17.00 Uhr auf dem Marktplatz in Kitzingen für unsere Demokratie ein Zeichen zu setzen.

Ihr Pfarrer

Paul Häberlein