An(ge)dacht

 

Paul Häberlein

Liebe Leserin, lieber Leser,

im Evangelium, das oft auf dem Friedhof bei den Trauerfeiern oder Beerdigungen verlesen wird, kündet Jesus seinen Jüngern seinen eigenen Tod an.

Und dann sagt er zu seinen Jüngern: „Wo ich hingehe, den Weg wisst ihr?“ Erstaunt und zweifelnd fragt Thomas, einer der Jünger: „Herr, wir wissen nicht wo du hingehst; wie können wir den Weg auch wissen?“

Und hinter dieser einen Frage verbergen sich ja viele Fragen, die auch wir uns immer wieder stellen. „Was kommt nach dem Tod?“ „Was geschieht mit den Verstorbenen?“ „Ist mit dem Tod alles aus?“ „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ Wir stellen diese Fragen, weil der Tod scheinbar so endgültig ist. Er nimmt uns Menschen, die immer da waren. Menschen, die das Leben mit uns geteilt haben und die dadurch eben Teil unseres Lebens waren, sind und bleiben.

Astrid Lindgren erzählt die wunderbare Geschichte von der Räubertochter Ronja. Als der Glatzen-Per, der älteste Räuber der Mattis` Bande stirbt, weint das kleine Räuberkind bitterlich, denn „Ronja hatte noch nie jemand sterben sehen.“ Als die Mutter Ronja trösten will, antwortet Ronja: „Aber er war doch immer da, mein ganzes Leben lang.“Und dann sagt sie: „Vielleicht ruht er sich jetzt irgendwo anders aus?“ 

Wie der Jünger Thomas fragt auch sie: „Wo gehen wir Menschen eigentlich hin, wenn wir sterben?“ Und auch wir fragen uns das ja immer wieder. Denn gerade in den Wochen und Monaten der Trauer ist soviel Zeit zum Grübeln und Nachdenken. Wenn jetzt der November seine Dunkelheit auf unser Land und unsere Seelen legt, dann tauchen viele solcher Fragen und Zweifel immer wieder einmal auf.

Dieser Thomas aber hat nicht locker gelassen. Auch nach Ostern wollte er sehen und spüren, dass Jesus auferstanden ist. Zu Unrecht hat man ihn oft als den ungläubigen Thomas bezeichnet. Denn Jesus hat diesen Thomas eben nicht verurteilt. Er hat Thomas eben nicht seine Zweifel und Fragen vorgeworfen. Im Gegenteil: Thomas durfte sehen und glauben.

Als Christen dürfen auch wir unsere Fragen und Zweifel Gott im Gebet anvertrauen. Und gleichzeitig dürfen wir erleben, dass Gott uns dann nicht den Zweifeln und der Verzweiflung überlässt. „Gott ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“ So sagt es ein alter Psalm. Und davon zeugen auch die Kerzen, die jetzt auf unseren Gräbern brennen. Ihr Licht leuchtet hell und klar, gerade jetzt, wenn die Nächte so lange dauern.

An diese Hoffnung dürfen wir uns erinnern, wenn wir am Totensonntag noch einmal die Namen derer verlesen, die im letzten Kirchenjahr verstorben sind. Und es sind in Mainbernheim viele in diesem Jahr.

Zu seinen Jüngern hat Jesus einmal gesagt: „Ich lebe und auch ihr sollt leben!“ Und genau das erwartet uns nach dem Tod: Leben in diesem Licht. Eines der schönsten Lieder für das Ende des Kirchenjahres beschreibt diesen Morgenglanz der Ewigkeit.

„Leucht uns selbst in jener Welt, du verklärte Gnadensonne; führ uns durch das Tränenfeld in das Land der süßen Wonne, da die Lust, die uns erhöht, nie vergeht.“

Im Glauben dürfen wir Christen immer wieder neu spüren und erfahren welche Kraft uns diese Hoffnung für die Wege der Trauer und Tränen schenken kann. Deshalb beten wir bei jeder Trauerfeier oder Beerdigung füreinander: „Lass uns im Glauben doch schon mitten in dieser Welt das Leben erfahren, das uns einst in der Vollendung erwartet.“

Ihr Pfarrer

Paul Häberlein