An(ge)dacht

 

Paul Häberlein

Liebe Leserin, lieber Leser,

Eigentlich ist es nur ein Weizenkorn. Klein und unscheinbar. Es gibt Milliarden davon auf dieser Welt. Wie gesagt, nur ein Weizenkorn. Ein Allerweltsding. Und doch ist es ein kleines Wunderwerk der Schöpfung.

Im Frühjahr legt der Bauer das Weizenkorn in die Erde. Es keimt. Und jetzt geschieht das Wunder. Der kleine Keim weiß natürlich nicht wo links und rechts, wo oben und unten ist. Aber er wächst aus dem Korn direkt dem Licht entgegen. Faszinierend. Eben ein Wunder der Natur.

Vielleicht lächeln Sie jetzt darüber. Aber woher weiß der Keim in welche Richtung er wachsen soll. Würde er tiefer in die Erde wachsen, gäbe es keinen Halm und keine Ähren. Irgendwann würde er absterben – so ganz ohne Licht.

Aber zielstrebig wächst der Keimling dem Licht entgegen. Was für ein Wunder. Und das ist ja erst der Anfang.

Aus dem Weizenkorn wird eine Ähre, später wird daraus das Mehl und schließlich das Brot, das uns satt macht. Und die ganze Welt um uns herum ist voller solcher Wunder.

Daran erinnert der Sonntag Jubilate. Denn mit dem Staunen fängt alles an. Das Erkennen und Begreifen dieser wunderbaren Schöpfung Gottes. Der Frühling duftet davon. Das helle Grün der Blätter und das Blütenmeer der Blumen, Bäume und Sträucher singt auf seine Art ein Loblied auf den Schöpfer. Das Frühlied der Amsel weckt mich nun jeden Morgen.

Mit dem Staunen über die Wunder der Schöpfung fängt letztlich alles an. Auch die Ehrfurcht vor dem Leben. Der Arzt und Theologe Albert Schweitzer hat uns daran erinnert. Von ihm stammt der berühmte Satz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Diese Ehrfurcht vor dem Leben. Sie erinnert mich daran: auch ich bin ein Wunderwerk Gottes und immer auch Teil dieser Welt. Und du bist es auch. Nicht mehr und nicht weniger. Diese Ehrfurcht vor dem Leben lehrt uns auch die Würde und den Wert allen anderen Lebens auf dieser Erde.

F.M. Dostojewskij schreibt schließlich einmal: „Liebet die ganze Schöpfung Gottes! Jedes Blättchen liebet, und jeden Sonnenstrahl! Liebet alle Dinge! Wenn ihr das tut, so werden sich euch in ihnen die Geheimnisse Gottes offenbaren.“

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Mai voller Momente des Staunens und der Ehrfurcht über das Wunder des Lebens.

Ihr Pfarrer Paul Häberlein